100 Meilen von Berlin, 15.08.15

logo_100meilenEin Bericht von Steve Klockow:

Ich bin dieses Jahr bei den „100 Meilen“ von Berlin gestartet. 100 Meilen sind 160,9 Km und bedeuten, dass man viele viele Emotionen zum Vorschein bringt.
Alles begann ruhig. Meine Freundin Sarah und ich standen entspannt um 4 Uhr auf, packten alles zusammen und gingen los. Nachdem wir fast die Katze überfuhren, konnte es zum Stadion gehen.
Es sollte ein heißer Tag werden, also legte ich mir meine Taktik mit viel Wasser, Obst und Salz zurecht. Noch ein paar witzige Fotos von uns als glücklichen Paar (mit kleinen Hündchen) und ab zum Start.
Wenn ich solche Läufe mache, bin ich mir anfangs meist gar nicht bewusst, was ich im Begriff bin, auf mich zu nehmen und es wird mir dann immer erst klar, wenn ich stark leide.
Alles startete gut. Ich hielt Ausschau nach bekannten Läufern, die ich nur selten sehe und traf einen Bekannten, den ich sehr gern mag. Wir unterhielten uns ein Stück und wünschten uns dann einen guten Weg. Ich wurde oft von Läufern angesprochen, weil ich keine richtigen Laufschuhe hatte, sondern Five Fingers (mit einer 3mm Sohle, so genannte Barfußschuhe) trug. Die Leute fragten mich, ob ich die ganze Strecke damit laufen wollte und ob das nicht zu hart wäre, ich machte dann immer einen Spaß und sagte, wenn es mir zu hart wäre, würde ich sie einfach ausziehen und barfuß weiter laufen.
Die Hitze war sehr drückend. Umso weiter die Sonne zum Vorschein kam, umso heißer, schwüler und drückender wurde es. Ich brauchte viel mehr an Wasser, Obst und Salz, als ich es erwartet hatte.
Ständig ließ ich das Wasser aus meinem Trinkrucksack, an den Verpflegungspunkten nachfüllen. Leider war die Hitze so stark, dass ich so viel trinken musste, dass das Wasser ständig alle war.
Die Verpflegungspunkte kamen alle 4 bis 6 Km, aber wenn man 3 Km gelaufen war und kein Wasser mehr hatte, bedeutete das, dass man 1 bis 3 Km ohne Wasser auskommen musste und das war Wahnsinn bei der Hitze. Da ich so stark schwitzte, verlor mein Körper auch sehr viel Salz, was sich dadurch äußert, dass die Hände, Arme und Füße anschwellen und man total schwerfällig wird. Ständig hatte ich geschwollene Finger, die ich dann nur noch schwer bewegen konnte. Ich nehme dann immer Natron-Salz oder Salztabletten, dann schwellen sie auch wieder ab, aber es ist jedes Mal eine Tortur. Darum war es auch immer so hart, kein Wasser mehr zu haben, denn wenn ich nicht trinken kann, kann ich auch kein Salz nehmen. Angeschwollene Gliedmaßen und Durst, bei 36 Grad im Schatten.
Den Schatten konnten wir recht selten genießen, oder es kam mir nur so vor, aber ich hatte das Gefühl, dass die Strecken in der prallen Sonne nicht enden wollten.
Meine Freundin Sarah hatte sich mit mir in Frohnau verabredet um mich zu verpflegen. Sie schickte mir eine Nachricht, dass Sie noch einen Überraschungsgast mitbrächte, der ein Stück mit mir laufen wollte.
Es war eine große Freude für mich, weil ich ein paar freundliche Gesichter zur Motivation brauchen konnte. Jörg (unser Nachbar) kam und lief ein Stück mit. Wir unterhielten uns, bis wir zu Sarah kamen. Es war toll. Ich setzte mich, legte die Beine hoch (auf Sarahs Knie) und aß. Es war ein köstlicher Obstsalat, mit Nüssen und viel Liebe gemacht.
30 Km waren geschafft und ich fühlte mich durch die Hitze schon ganz schön schlaff, aber der Obstsalat wirkte Wunder. Ich hatte nun wieder ganz neue Energie und lief fortan wie ein junger Gott. Für ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass ich schweben konnte. Es war einfach ein phantastisches Gefühl, bis ich merkte, dass der Trinkrucksack wieder leer war. Nun waren es noch ca. 3 Km ohne Wasser und Salz. Ich musste mich also mit dem Tempo zurücknehmen.
Ich musste aufpassen, dass ich nicht so viel Zeit mit dem Gehen verschwendete, denn ich wusste, dass 160 Km ein ganz schöner Schuh sind.
Leider bin ich auch nicht immer der vorbildlichste Sportler und ich hoffe, es wird sich niemals jemand ein Beispiel an mir nehmen, aber ich bin die letzten drei Monate nicht einmal mehr als 20 Km gelaufen. Ich habe immer eine Ausrede gefunden, warum ich nicht laufen konnte und wusste, dass die „100 Meilen“ immer näher kamen. Also machte ich wenigstens eine Unmenge an Kniebeugen und Wadentraining, was auch echt viel brachte. Nur hatte ich mir eine Woche vorher die Wade ein bisschen verletzt, weshalb ich nun den Laufstil etwas verändern musste. Ich wollte eigentlich hauptsächlich auf dem Vorderfuß laufen, musste dann aber auf den Mittelfuß umsteigen, um die Wade nicht zu stark zu belasten.
40 Km waren geschafft. Die Sonne brannte. Ich war inzwischen einige Male ohne Wasser gelaufen und ließ den Rucksack bei jedem Verpflegungspunkt auffüllen. 1,5 Liter in 4 bis 5 Km, die Temperaturen machten sich bemerkbar.
Es ist beeindruckend, wie sich der Körper erholen kann, wenn er nur richtig gefüttert wird. Vor den Verpflegungspunkten war ich meist stark erschöpft, danach war ich wieder weitestgehend erholt. Einen Marathon hatte ich, jetzt nur noch drei weitere.
Ich hatte mit Sarah ausgemacht, dass wir nicht so oft SMS schreiben und sie mich erst später oder in der Nacht wieder besuchen sollte, denn ihr Weg war recht weit und sie hatte sich ganz schön ins Zeug gelegt. Ich dachte die ganze Zeit an sie und wie schön ich es fand, dass sie sich so für mich einsetzte.
In einem Moment, ließ ich meinen Rucksack wieder nachfüllen, als ich eine Karte von ihr fand. Sie hatte mir geschrieben, dass sie wahnsinnig stolz auf mich wäre und sie mir bei allem helfen würde, wenn ich etwas brauchte. Mein Herz lächelte wieder und ich musste ihr erstmal schreiben, wie süß ich diese Geste fand und was sie mir bedeutet. Jetzt war ich wieder gut drauf.
Neu gestärkt, machte ich weiter. Die Hitze erreichte ihren Höhepunkt und ich hatte das Gefühl, dass die Läufer mit der Zeit umfallen würden, wie die Fliegen, möglicherweise alle, aber ich nicht. Die Hitze konnte mich nicht besiegen, ich kämpfte weiter!
Nun ging es langsam auf Km 50 zu und ich hatte mir schon viele Salztabletten von den Verpflegungspunkten mitgenommen und immer einen Batzen eingeworfen. Ich kam mir schon vor, wie ein tablettensüchtiger Junkie.
Jetzt merkte ich, dass die Hitze langsam nachließ, glücklich sah ich, wie die Wolken sich zu zogen und der Regen sich vorbereitete. Endlich wurde es mal ein bisschen feucht. Ich machte gedanklich einen euphorischen Regentanz und war verdammt froh, diese schreckliche Hitze los zu sein. Ich hatte gegen die Hitze gewonnen, jetzt waren nur noch 110 Km zu schaffen.
Bei Km 55 war ich wieder wasserlos und ging ein Stück. Eine Läuferin kam aus dem nichts (ich erschrak kurz) und fragte mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich sagte „ja, aber mir fehlt ein bisschen Wasser“. Sie hatte keine Flasche bei sich, wo ich etwas abstauben konnte, deswegen war es von mir auch keine Bitte oder ähnliches. Als sie hörte, dass ich Wasser brauchte, sagte sie im lauten Ton: „gib ihm mal etwas Wasser!“. Ich war einen Moment verwirrt, bis ich merkte, dass sie einen Fahrradbegleiter hatte, der sich ebenfalls an mich herangeschlichen hatte. Nachdem ich zwei Mal kurz erschreckt wurde, bekam ich Wasser zum trinken und wurde abgesprüht. Ich bedankte mich herzlich bei beiden und lief weiter zum nächsten Verpflegungspunkt.
Mittlerweile war ich so erschöpft und hatte so starke Kreislaufprobleme, dass ich Sarah anschrieb und sie bat, früher zu kommen. Wir verabredeten uns für 1 Stunde später, damit sie genug Zeit hatte zu kommen. Ich lag auf dem Rücken und hatte die Beine hochgelegt, um das Blut mal etwas aus den geschwollenen Füßen zu bekommen.
Ich hatte, trotz der Hitze, 58 Km in 9 Stunden geschafft und freute mich sehr, dass ich noch 21 Stunden für rund 100 Km hatte. Jetzt war ich viel entspannter, weil ich wusste, ich kann auch gehen, wenn es gar nicht mehr läuft und gehen geht immer. Ich war mir sicher, so würde ich es schaffen.
Ich war froh, Sarah angeschrieben zu haben, denn es ging mir nun schon lange sehr schlecht, aber ich machte mich wieder auf den Weg. Die Helfer vom Verpflegungspunkt sagten mir, dass es ca. 4 Km bis zum nächsten wäre.
Weiter ging es. Ich musste ein Stück durch einen kleinen Weg laufen, um dann eine große Straße zu überqueren. Der Weg wurde durch so (ich würde das Ding Poller nennen, man kann es einklappen und auf den Boden legen, damit Autos bei Bedarf durchfahren können) abgetrennt. Das Ding lag auf dem Boden und ich hatte nur Augen für die große Straße. Als ich auf sie zu lief, stieß ich mir meine Zehen an dem Ding. Durch meine derzeitige Verfassung und meinen durchaus beeinträchtigten Gefühlszustand, kamen weitestgehend bösartige Laute und gemeine Drohungen von mir hervor. Ich schimpfte über alles und jeden, bis ich merkte, dass ich der Trottel war, der das Ding einfach übersehen hatte.
Ein Läuferpaar kam auf mich zu und war etwas schockiert von meinen Lautäußerungen. Ich entschuldigte mich und erklärte kurz die Lage. Wir gingen über die Straße und ich sah, dass es der Frau auch nicht besonders gut ging. Ich sagte: „so richtig frisch, sieht dein Gang aber auch nicht mehr aus“. Sie lächelte und sagte, dass sie nun auch auf den Weg zum Bus ist, weil sie aufgeben muss. Ich entschuldigte mich und sie wünschte mir viel Glück für den weiteren Weg.
Nun begann alles ganz anders.
Ich lief ein Stück und verlief mich, nicht viel, aber jeder unnötige Schritt und einfach schrecklich zu ertragen, wenn du noch 100 Km vor dir hast und schon etwas fertig bist.
Wieder zurück auf dem richtigen Weg, merkte ich auf einmal, dass meine Füße immer stärker schmerzten. Nun stand alles auf der Kippe. Ich konnte mit beiden Füßen nicht mehr auftreten.
Also kurz Pause. Es ging mir echt dreckig, aber ich motivierte mich. Ich stand auf und ging weiter, nichts. Die Schmerzen waren so stark, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Jetzt bekam ich Angst.
Ich konnte und wollte nicht aufgeben.
Ich bin dazu einfach nicht geschaffen und wusste, dass ich es mir selbst nicht verzeihen konnte. Ich schimpfte mit mir selbst und machte weiter. Die Schmerzen wurden noch stärker und ich hatte das Gefühl, dass mein Mittelfuß durch die starke Überlastung brechen würde, wenn ich weiter ging.
Starke Emotionen kamen zum Vorschein und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich versuchte mich erstmal zu setzen und zu beruhigen. Nichts half. Ich spielte mit dem Gedanken, Sarah anzurufen und ihr zu sagen, dass ich aufgeben würde, aber da schossen mir die Tränen in die Augen.
Ich hatte die fürchterliche Hitze besiegt. So viele Läufer waren daran gescheitert, ich nicht. Und gerade als es ein bisschen kühler wurde, streikten meine Füße. Ich wollte nicht aufgeben und rief mich selbst zur Ordnung. Ich setzte mich wieder um nachzudenken.
Es fiel mir nichts ein und die Zeit, die ich mir nun aufgebaut hatte, lief gegen mich.
Ich stand nun wieder auf und ging weiter, unter starken Schmerzen. Ich wusste, ich kann das keine 100 Km machen. Ich bin gern ein bisschen verrückt, aber das war einfach utopisch.
Wieder merkte ich, dass ich mich geschlagen geben musste und mir kamen die Tränen. Ich rief Sarah an und erzählte ihr, dass sie mich bitte abholen sollte, ich wollte noch zum nächsten Verpflegungspunkt, um mitzuteilen, dass ich raus bin.
Ich hatte für 4 Km knapp zwei Stunden gebraucht und es war eine der schwersten Situationen für mich, die ich mir vorstellen konnte. Ich bin kein Typ, der aufgibt. Ich mache alles dafür zu gewinnen und ich meine wirklich alles. Ich würde niemals aufgeben, wenn ich nicht müsste.
Diese Entscheidung hat mir sehr wehgetan und das schlimmste daran war, dass ich gemerkt habe, dass ich mit meinen verrückten Ideen nicht immer durch komme.
Ich wollte die „100 Meilen“ unbedingt mit Five Fingers durchlaufen und nächstes Jahr barfuß, da ich aber nicht ausreichend trainiert habe, haben meine Füße dann gestreikt und ich bin mir sicher, dass ich es in richtigen Laufschuhen geschafft hätte, aber ich wollte unbedingt meinen Kopf durchsetzen, diesmal mit schweren Folgen.
Ich habe es nun schon ein paar Leuten erzählt, dass ich aufgeben musste, aber alle konnten mir gut zureden. Ich glaube, dass dieser Tag ein sehr wichtiger Tag in meinem Leben war. Ich habe so viele Sachen gelernt.
Ich habe gesehen, wie sich meine Freundin für mich aufgeopfert hat, sie hat mich überall hingefahren und abgeholt. Sie hat mich massiert, sie hat einen Freund mitgebracht, der mit mir lief, sie hat mir drei verschiedene Salate, Brühe, Brote und sämtliche Snacks zubereitet und ganz nebenbei bekomme ich gleich meine Pizza, die ich nach Läufen immer esse „grin“-Emoticon
Sie hat mir gezeigt, was sie für mich empfindet und ich bin ihr wahnsinnig dankbar dafür. Sie ist ein toller Mensch und ich liebe sie und bin froh, dass ich sie habe.
Außerdem habe ich an diesem schönen und schrecklichen Tag gelernt, die bisher schwerste Entscheidung meines Lebens zu treffen. Ich habe noch nie aufgegeben und es war so schrecklich für mich diese verdammte (vernünftige) Entscheidung zu treffen.
Ich habe mich dazu entschieden, daraus eine Lehre zu ziehen: Ich werde nicht mehr mit Schuhen laufen (so verrückt bin ich noch), aber ich werde für das nächste Jahr ordentlich trainieren. Nächstes Jahr will Sarah auch mit dem Fahrrad mitkommen.
also „Fortsetzung folgt …“

Link zum Veranstalter: 100meilen.de
Ergebnisse: 2015

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